Das #UNIT Festival 2016

Wir hatten Euch hier neulich auf das #UNIT Festival hingewiesen, eine Veranstaltung in Berlin, die sich als queeres Tech-Festival bezeichnet. Und ich war natürlich dort, um zu schauen, was das für eine Veranstaltung ist.

Die Kritik am kommerziellen Charakter des Events, die informell überall herumschwirrte, war nicht aus der Luft gegriffen: Nicht nur waren sponsernde Firmen teilweise mit Ständen präsent, sondern auch das Programm war gespickt mit Firmenvorträgen. Solange das in der Ankündigung steht, dass es z.B. um Diversität in der Praxis der Firma xy als Arbeitgeberin geht, okay. Dann kann das Publikum sich entscheiden, hinzugehen oder nicht. Wenn es jedoch erst während der Session merkt, dass es um eine bestimmte Firma geht, ist das auf eine blöde Weise intransparent. Und kam bei diesen Vorträgen eigentlich irgendwas Neues rum? Kaum. Im Wesentlichen wurden von den Vortragenden bzw. auf den Panels Dinge gesagt, die die Welt schon weiß, wenn sie sich für Diversität versus Diskriminierung in der Branche interessiert oder gar selbst davon betroffen ist. So kam das #UNIT Festival zu großen Teilen daher wie ein Ort für IT-Karriere-Networking, bei dem nicht nur straightes, sondern eben queeres und straightes Publikum angesprochen wurde.

Der Faceplam des Tages passierte für mich auch in einem Firmenvortrag: Eine Person hat auf der Hauptbühne der Veranstaltung erklärt, warum sie ihren Arbeitgeber, eine expandierende Hosting-Butze, gewählt hatte. Die Firma tue so viel, um der Verschiedenheit bzw. Vielfalt innerhalb  der Belegschaft gerecht zu werden. Das Ausschlaggebende, was keine andere Firma habe: Maniküre am Arbeitsplatz! Ironie? Nicht herauszuhören. Wie die tägliche Kultur der Zusammenarbeit in der Firma gestaltet wird, wie es dort mit Hierarchien, (Selbst-)Reflexion, Diskriminierung oder Support-Strukturen aussieht, darüber haben wir sonst nichts erfahren. Hauptsache Nagellack. (Und nichts gegen Nagellack! Aber er sagt erstmal nichts aus über antidiskriminierende Arbeitskulturen in der IT-Branche.)

Glücklicherweise gab es auch sehr gute Programmpunkte. Darunter ein sehr persönlicher und voll mutiger Vortrag von einer Person, die auf der großen Bühne über ihre Transition gesprochen hat. Die Person arbeitet im Bereich Softwareentwicklung und hat in ihrem Vortrag beschrieben, wie sie die agilen Methoden aus dem Job für sich nutzt, um den Prozess der Transition zu denken und Schritt für Schritt zu gehen. Hut ab!

Ein anderer als Workshop angekündigter Part im Programm entpuppte sich als Diskussionsrunde über das #UNIT Festival selbst. Die moderierende Person hat uns dazu eingeladen, alle drei Begriffe aus dem Titel „queer tech festival“ zu hinterfragen: Was heißt für uns eigentlich, dass eine Veranstaltung „queer“ ist? Was macht ein Event aus, bei dem Technologien im Vordergrund stehen? Was ist ein Festival? Und letztlich: Wo sind wir hier heute? Die 15-20 Anwesenden haben ihre Perspektiven auf das Event zusammengetragen. Manche konnten auch von kleinen Verbesserungen im Vergleich zum Vorjahr berichten. (Es gab 2015 offenbar tatsächlich nur Toiletten für zwei Geschlechter und gar kein Gäste-WLAN.) Im Prinzip kam bei dieser netten Runde heraus: Die Diskutierenden würden sehr vieles, wenn nicht alles, anders machen – von der Organisationsstruktur (eher selbstorganisiert) über die Gestaltung des Programms (keine Firmenpräsenzen) bis hin zum Flair (Raum für Communities). Am Ende hing die Idee im Raum, „man könnte ja mal…“ – aber bevor es konkreter werden konnte, bevor wir über tatsächliche Bereitschaft, Lust, Kapazitäten etc. sprechen konnten, war das Zeitfenster in dem Seminarraum um und die Menschen zerstreuten sich.

Nicht zu vergessen – das Informelle: Durch die Diskussionen zog sich immer wieder das Thema queer*feministischer Hackspace in Berlin. Wird es ihn geben? Wer ist an dem Thema aktuell dran? Welche Vorstellungen haben die Interessierten von Einladungspolitiken? Was für Orte gibt es in anderen Städten und was kann mensch sich dort vielleicht abgucken? Spannend…!