No Borders - Titel

Comic-Rezension „No Borders“ – Grenzenlose Freiheit?

Wir schreiben das Jahr 2016. Gerade eben wurde vom deutschen Bundestag ein neues Überwachungsgesetz zur Terrorbekämpfung verabschiedet, während die Menschen von Fußball-EM und #Brexit komplett abgelenkt waren und es öffentlich kaum kritisch diskutiert wird. Vor wenigen Jahren erst hat Edward Snowden die Massenüberwachung der NSA aufgedeckt, die auch die schwere Missachtung freiheitlich-demokratischer Grundsätze durch den hiesigen Geheimdienst BND enthüllte. Anstatt ihn in die Schranken zu weisen, wird diese selbstherrliche Überwachung nun einfach gesetzlich erlaubt – an der Praxis dagegen soll sich nichts ändern.

Jill wird von Albträumen geplagt.

Jill wird von Albträumen geplagt.

Genau unsere heutige Welt auf des Messers Schneide zwischen Freiheit und Diktatur ist das Grundsetting für das neueste SciFi-Comicwerk „No Borders“ der Zeichnerin TeMel (Thekla Barck), dessen Storyline ihr Ehepartner Michael geschrieben hat. Auf knapp 160 wunderschön gezeichneten und vollcolorierten Seiten erzählen die beiden die Zukunftsvision einer totalüberwachten Dystopie, zu der es bereits in wenigen Jahren kommen könnte: 2025 passiert ein schlimmer Terroranschlag, infolgedessen die gesamte Welt der Massenüberwachung und Zensur anheim fällt. Die titelgebende Untergrundorganisation „No Borders“ sind im Jahr 2040 wohl noch die einzigen, die sich diesem totalitären System entgegenstellen. Sie werden jedoch zunehmend dezimiert und begreifen irgendwann, dass 2025 ein „Point of no return“ war und sie anscheinend keine Chance mehr haben, die Geschichte noch zu verändern. Das einzige, was ihnen jetzt noch helfen kann? Zeitreisen!

Jill landet plötzlich von einem Moment auf den nächsten in China und realisiert bald, dass sie obendrein noch durch die Zeit gereist ist.

Nun wird es ein bisschen kompliziert. Der für „No Borders“ arbeitende Hacker Ho Zhing entdeckt im Jahr 2040 eine Möglichkeit, Menschen „über das Internet“ auf Zeitreisen zu schicken – also zu jeden beliebigen Zeitpunkt, wo es das Internet schon gab. Das Verfahren wird innerhalb der Geschichte nie genauer erklärt und ist eher ein typisches SciFi-Magie-Handwaving. Dem Comic erlaubt dies, die Auswirkungen der Überwachung zu verschiedenen Zeitpunkten zu zeigen. Und zwar nicht nur Leser*innen, sondern vor allem der ursprünglich im Jahr 2023 lebenden NSA-Mitarbeiterin Jill Edwards, die sich ihrem Job sehr verpflichtet fühlt. Sie glaubt damit Menschen zu schützen und der Gedanke, einen Terroranschlag nicht verhindern zu können, verfolgt sie gar bis in ihre Alpträume. Sie wird mit dem Internet-Zeitreise-Device ins heutige China entführt – also ins Jahr 2016, wo sie auf einen ebenfalls dort hin gereisten Ho trifft. Dieser möchte Beweise finden, dass der Terroranschlag nicht der Grund für die Überwachung sein wird, sondern nur seine Rechtfertigung. Er wünscht sich, dass Jill zu Snowden 2.0 wird, dass sie sogar Belege für einen finsteren Plan der herrschenden Mächte findet und veröffentlicht, durch die Massenüberwachung eine Diktatur herzustellen und den Terroranschlag 2025 nur als willkommenen Anlass zu benutzen, diese Pläne umzusetzen.

Das ist die eine Hälfte von „No Borders“: Jill wehrt sich gegen diese ihr fremde Lebensrealität, während Ho sie immer weiter belämmert und durch Lügen und Intriganz noch in ein paar weitere Zeiten schickt, damit sie sich wirklich von der schlimmen Zukunft überzeugen kann, die hier duch die Überwachung geschaffen wird. Parallel verfolgen wir die Geschichte der 2016 lebenden Bloggerin Kat. Diese muss keine Zeitsprünge vollführen, um die Repressalien eines totalitären Regimes zu spüren: sie ist nach langer Zeit in Deutschland in ihr Geburtsland China zurückgekehrt und denkt gar nicht daran, sich der Zensur des Staates zu unterwerfen. Zu der fiktiven weltweiten Überwachung der Zukunft gesellt sich hier also die Erfahrung eines Landes, das schon heute der staatlichen Zensur unterworfen ist und bei der Störer wie Kat gerne mal von der Polizei „zum Tee eingeladen“ werden, um ihnen zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Neben der spannenden Story, die mich für eine einzelne Lese-Sitzung an den Comic fesseln konnte, besticht „No Borders“ auch mit den tollen zeichnerischen Fähigkeiten von TeMel. Sie setzt eine stimmige Mischung aus Tusche, Aquarellfarben und dezentem Einsatz digitalen Techniken gekonnt ein, um sehr viel Stimmung rüberzubringen. Dabei hat sie auch immer wieder mal Zeit für ein paar schnörkelhafte Details, vor allem Verweise auf Nerd-Popkultur, die in den Rändern der bunten Panels zu finden sind (Minions! Matrix-Poster!). Es ist absolut spürbar, dass sie bei der langwierigen Arbeit (No Borders entstand über einen Zeitraum von drei Jahren) auch viel Spaß hatte, die Welt mit Leben zu füllen.

No Borders - Ausschnitt 2

Der Cousin von Kat nennt sie bei ihrem chinesischen Namen und verhält sich sehr kontrollierend und bestimmend, was sie immer wieder ärgert.

Obgleich die Geschichte um Ho und Jill mehr Raum im Comic einnimmt und die interessant verwobene Zeitreise-Story das Hauptaugenmerk des Comics zu sein scheint, hat mich die Storyline von Kat deutlich stärker gefesselt und überzeugt. Kat ist eine steile Antithese zu Jill: sie denkt gar nicht daran, sich den patriarchalen Vorstellungen ihres Onkels, Cousins oder gar der chinesischen Geheimpolizei zu unterwerfen und macht stur ihr eigenes Ding; das bringt sie in Konflikt mit dem Staat und ihren Verwandten. Derweil ist Jill gefolgsam und tut das, was ihr von anderen befohlen wird. Hier liegt für mich ein zentrales Problem in der Charakterentwicklung: frei wird sie durch Ho und seine Predigten von der Freiheit in meinen Augen nämlich keineswegs – anstatt ihrem Vorgesetzten bei der NSA gehorcht sie gegen Ende der Geschichte eben einfach Ho.

Überhaupt wird Ho meinem Empfinden nach viel zu sehr als Held stilisiert, der eben die einfachen Wahrheiten ausspricht, die uns die Autor*innen mitgeben wollen: alle haben etwas zu verbergen, die Massenüberwachung ist wirklich schlimm und beraubt uns jegliche Freiheit, es geht denen da oben nicht wirklich um den Schutz der Bürger*innen sondern um die bewusste Schaffung einer Diktatur, und so weiter. Ich habe hier aufgrund des stark an die Realität angelehnten Settings vielleicht zu viel erwartet, aber für mich wirken diese Begründungen fortlaufend flach, die Erklärungen zum Einschläfern. Ho macht sich regelrecht zu einem Unsympathen, der Jill nur für seine Zwecke benutzt: er schickt sie ohne ihre Einwilligung und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen munter durch die Weltgeschichte und schreckt nicht einmal davor zurück, ihr Leben zu gefährden. Ob diese Manipulation für den „Guten Zweck“ so in Ordnung ist? Ob es reicht, das System zu crashen?No Borders - Ausschnitt 3 Noch mehr stört mich aber, dass Jills bis in ihre Träume dringende Wunsch danach, Menschen vor Terroranschlägen zu beschützen, von Ho überhaupt nicht ernst genommen oder im Comic irgendwie weiter thematisiert wird. Dabei sind im Jahr 2016 Terroranschläge fast schon alltäglich geworden und stellen wirklich kein gelöstes Problem dar, was die Frage der Balance zwischen Freiheit und Sicherheit extrem komplex und spannend machen könnte. In „No Borders“ ist aber kein Platz für solche Grautöne. Schade.

Um fair zu bleiben: der Comic ist bereits so ein Schwergewicht und diese Details hätten den Rahmen womöglich gesprengt. So entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der Terroranschlag von 2025 kaum erklärt und somit nicht nur innerhalb der Geschichte instrumentalisiert wird, um die folgende Totalüberwachung nicht mehr weiter begründen zu müssen – sondern auch gegenüber den Leser*innen. Mich hätte ernsthaft interessiert, wie die Gesellschaft dieser totalüberwachten Welt aussieht. Mit welchen Mitteln versucht „No Borders“ das System zu stürzen, gegen welche Zustände kämpfen sie an – vielleicht sind die Menschen in der Dikatatur der „Brave New World“ ja großteils sehr glücklich? Und warum kämpft „No Borders“ überhaupt noch, obwohl ihnen doch bereits bewusst ist, dass es nach 2025 kein Zurück mehr gibt?

Auch wenn die Autor*innen erst einmal keinen Nachfolger herausbringen wollen und die Geschichte in sich abgeschlossen ist: vielleicht erfahren wir in ein paar Jahren ja doch die Antworten auf einige dieser Fragen und bekommen einen genaueren Einblick in die Welt von von Jill, Kat und Ho.

„No Borders“ ist im Epsilon-Verlag erschienen und kostet 15 Euro.