Aktivismus und Erschöpfung

Dieser Artikel ist Teil 2 von 3 in der Serie Selbstfürsorge: Kniffs & Tricks & Tipps

Diesen Artikel hatte ich kurz vor der Schließung meines persönlichen Blogs unter „Feministisches Burnout“ veröffentlicht. Da das Thema seine Wichtigkeit nicht verloren hat, die daraus entstandene Diskussion lehrreich war und es noch viele weitere Quellen zum Thema gibt, nutze ich diese Gelegenheit die überarbeitete Fassung hier noch einmal zu veröffentlichen. Der erste Teil ist der Originalartikel, im Anschluss kommt die Diskussion zum Artikel (sollte eine_r der Teilnehmer_innen mit der erneuten Veröffentlichung nicht einverstanden sein, werde ich selbstverständlich Teile entfernen). Am Ende des Artikels folgen weitere Links zum Thema und Anmerkungen von mir.

Zu Teil 1: Originalartikel
Zu Teil 2: Diskussion
Zu Teil 3: Anmerkungen, Weiterführende Links

Teil 1: Feministisches Burnout

Zwei Wochen ohne Facebook und Twitter hatte ich mir vorgenommen. Die Hälfte davon ist schon wieder um. Zugegebenerweise hat es diesmal bisher nur mäßig geklappt. Das lag vor allem daran, dass Facebook mir trotz der richtigen Einstellung keine Mails schickt, wenn Menschen mir Nachrichten schicken und ich deshalb trotzdem einmal täglich vorsichtshalber reinschaute. Aber das war vermutlich auch eher ein Grund mich selbst auszutricksen. Zudem ist es diesmal wahnsinnig schwer ohne Facebook und Twitter auszukommen, da ich nicht so viele soziale Kontakte habe wie in Deutschland und ich das gut über Internet kompensieren konnte.

Meine Einstellung gegenüber Twitter und anderen sozialen Netzwerken konnte ich bisher schwer in Worte fassen. Was mich definitiv negativ beeinflusst ist all das Negative, Schlimme, Sexistische oder sonstwie *istische was sich durch meine Timeline wie ein Meer von ununterbrochener Empörung zieht. Zusammen mit der Anziehungskraft, der ich nur allzu gern nachgebe und der Tatsache, dass ich mich stundenlang dort aufhalten kann, ohne irgendwas Befriedigendes oder Sinnvolles zu tun, ergibt sich eine Situation die mich ab und zu unzufrieden macht. Seit ich Femgeeks mache, fühle ich auch eine gewisse Verantwortung für das Projekt und das Team und im Rahmen der Arbeit an so einem Blog passieren nicht immer nur tolle Dinge.

Manchmal drückt sich diese Unzufriedenheit in regelrechter Überforderung aus. Als ich zuletzt darüber schrieb, bekam ich einen Link zugeschickt. How to Avoid Feminist Burnout (Englisch). Da ich auf Twitter und so zu einem sehr großen Anteil Feminist_innen folge, passt der Titel schon ohne Inhalt ganz gut. Die Autorin beschreibt verschiedene Wege um feministisches Burnout zu verhindern. Sie bezieht dies zwar auf feministische Aktionen und Positionen innerhalb einer Community, einige Punkte davon lassen sich jedoch auch auf die Social Media Situation übertragen:

  • Das Gute im eigenen Umfeld wahrnehmen (ohne Negatives zu ignorieren)
  • Aktiv werden (weil diskutieren und informieren allein oft frustriert)
  • Wut kontrollieren (nicht versuchen, Wut zu unterdrücken, jedoch Wut kontrollieren um handlungsfähig zu bleiben)
  • Anderen Mitgefühl und Respekt entgegenbringen (auch wenn sie scheiße bauen)
  • Den Ort Verlassen (anderen Dingen zuwenden)
  • Die Veränderung leben, die du dir wünschst

Aktiv geworden bin ich, deshalb habe ich Femgeeks gegründet. Auch um das Gute zu sehen und zu pflegen. Wo ich kann, versuche ich das zu leben, was ich mir vorstelle und respektvoll mit Menschen umzugehen (z.B. blöde Kommentare schlagfertig zu beantworten und im Worst Case zu ignorieren anstatt Menschen zu beleidigen). Da es mir manchmal schwer fällt, Wut in dem Moment zu kontrollieren, in dem sie aufkommt, vor allem wenn so viele unterschiedliche Dinge wie in der Twitter Timeline oder auch in der Arbeit bei Femgeeks auf mich zukommen, habe ich vor einer Woche den Rückzug angetreten. Vielleicht wäre es ganz gut, diese Liste von Zeit zu Zeit durchzugehen um zu sehen, woran die Überforderung diesmal liegt.

Eine weitere Ressource die ich zum Thema gefunden habe ist „A Lesson in Self-Care for Women’s Rights Defenders“ (ebenfalls Englisch). Um die Gefahr von Burnout zu senken hat die Autorin drei Dinge vorgeschlagen:

  • Pass auf dich auf! Die eigene körperliche Gesundheit im Auge behalten. Stress, Überarbeitung und schlechte Essgewohnheiten könnten darauf hindeuten, dass etwas nicht in Ordnung ist und zu körperlichen Beschwerden führen.
  • Auf das emotionale Wohlbefinden achten. All die schrecklichen Dinge die einer im Rahmen der Beschäftigung mit Feminismus begegnen können eine ziemlich runterziehen. Es ist daher wichtig, zu reflektieren wie eine sich im Bezug auf Ereignisse und Situationen gefühlt hat und sich bewusst zu machen, wie das die eigenen Emotionen beeinflusst.
  • Die kleinen Dinge genießen. Ausruhen, durchatmen. Dinge die eine genießt niederschreiben und nach Möglichkeit diese Dinge unternehmen, wenn sie schon (zu) lange her sind.

Diese drei Punkte klingen zwar simpel, sind es aber im turbulenten Alltag dann doch oft eher nicht. Sicherlich spielen auch andere Komponenten im eigenen Leben eine große Rolle, wenn es um Ausgebranntheit geht. Jedoch habe ich zumindest das Gefühl, dass es tatsächlich eine Art ausgebrannt sein im Bezug auf ein bestimmtes Thema gibt, mit allen erdenklichen Nebenwirkungen.


Teil 2: Diskussion (Texte und Links wurden auf side-glance.de gepostet)

Helga schrieb:

(Achtung, der Kommentar ist sehr deprimierend!)

Ich hab so ein Problem mit „feministischem“ Burn-Out. So wie es in dem Artikel beschrieben wurde, ist eher das Problem „aktivistischer“ Burn-Out.

Ich muss dabei fast sagen „leider“, denn dazu kommt etwas, das ich als „frauentypisches Burn-Out“ sehe. Ich habe in den letzten Jahren soviele Frauen getroffen, die sich nicht als Aktivistin sehen, und trotzdem so furchtbar am System verzweifeln. Die in den gesellschaftlichen Strukturen hängen und daran kaputt gehen.

Das ist gerade alles noch etwas unstrukturiert in meinem Kopf. Ein Zitat ist mir im Kopf geblieben von einer Ingenieurin, die nach der Wende in den Westen kam und im Osten keinen Sexismus bei der Arbeit erfahren hatte:

„Meine Kollegen haben mich gewarnt, dass ich Probleme bekommen würde. Ich habe mich gefragt, was passieren sollte. Und dann haben sie mir die Probleme gemacht.“

Das ist bei mir gerade eng verknüpft mit meiner Arbeit – ich bekomme nur noch wenig aus der (netz-)feministischen Sphäre mit, dafür aber aus diversen nicht-mal-feministischen aber frauendominierten Offlineräumen.

Am Ende sehe ich da immer wieder ein Problem ohne Lösung: Aktivismus ist anstrengend und kann kaputt machen. Ohne Aktivismus bleibt alles wie es ist – und der Zustand macht auch kaputt.

Melanie schrieb:

Ach naja, die Wahrheit ist immer irgendwie deprimierend.

Ich sehe das viele online machen auch als Aktivismus (auch wenn ich ein paar Blogartikel und Retweets jetzt nicht mit dem gleichsetzen möchte, was andere im „Real Life“ leisten) und fand deshalb, dass die „Lösungsvorschläge“ unabhängig davon passen.

Frauen die an Strukturen verzweifeln habe ich auch getroffen. Manche davon scheinen das nicht einmal zu merken und suchen die Schuld bei sich selbst. Dass es für strukturelle Probleme (leider) momentan keine verfügbare Lösung gibt steht außer Frage, ich bin jedoch trotzdem davon überzeugt, dass eine trotzdem in einem gewissen Rahmen für das eigene Wohlbefinden sorgen kann und dadurch mehr Lebensqualität gewinnen kann.

Die Frage die sich mir ebenfalls stellt ist dann eben auch, wie das mit Aktivismus vereinbar ist. Es muss einfach eine Möglichkeit geben, Einfluss zu nehmen und dabei nicht kaputt zu gehen.

Helga schrieb:

Falls das missverständlich war: ich sehe auch „online was machen“ als Aktivismus an. Deswegen ist mir es mir gerade so wichtig, da nicht von „feministischem“ Burn-Out zu sprechen. Online oder offline kann beides zu „aktivistischem“ Burn-Out führen.
Und wenn auch keine abschließende Lösung, finde ich die Vorschläge auch gut auch gut.

„Die Frage die sich mir ebenfalls stellt ist dann eben auch, wie das mit Aktivismus vereinbar ist. Es muss einfach eine Möglichkeit geben, Einfluss zu nehmen und dabei nicht kaputt zu gehen.“

Ganz ehrlich: Das ist doch genau das, was im System nicht vorgesehen ist.

Melanie schrieb:

Ah, also meintest du eher, dass die Annahme Feministin = Aktivistin nicht automatisch korrekt ist? Okay, verstanden. :) (und vor allem weil es sich ja auch auf andere Formen von Aktivismus beziehen lässt).

Vermutlich geht dann dieses glücklich/zufrieden/zumindest nicht unglücklich sein nur mit entspechenden Systemhacks.

tessa schrieb:

Schön, dass ich ausgerechnet heute diesen Artikel finde. Ich spüre diesen „Burnout“ auch und versuche es ohne Twitter, was ebenfalls nur mäßig klappt, da ich beruflich den ganzen Tag in sozialen Netzwerken verbringen muss. Das wird ein interessantes Experiment werden. Danke für die Links!

Ich glaube eine Sache, die besondern feministische Aktivistinnen anfällig für Frust macht, ist, dass Feminismus so umfassend ist: Ja, er kann die Welt verändern, und an jeder Ecke gibt es etwas zu tun. Etwas, worüber man sich aufregen kann, etwas, was weh tut, dann wieder etwas, das Anlass zur Freude ist. Es ist wahnsinnig viel Input und all diese Informationen verursachen Gedanken und Gefühle. Was ich gerade versuche, ist mich auf ein kleineres feministisches Feld zu konzentrieren, auch mal wieder andere Sachen zu lesen und vor allem: es nicht allen Recht machen wollen.

Ich würd mich freuen, wenn du weiter über dein Experiment berichtest. Viele Grüße und Erholung dir.

Halfjill schrieb:

Danke für deinen Beitrag und vor allem auch die darin enthaltenen Links.

Ich merke selbst, dass ich vor allem eins lernen muss: Ich kann nicht in alle Felder, Aktionen, etc. gleichzeitig meine Energie stecken. Mein Energievorrat ist ebenso endlich, wie die Probleme auf dieser Welt unendlich scheinen. Das passt eben nicht zusammen und das muss ich so akzeptieren lernen. Auch dass mein Energielevel mal höher ist und mal einfach nur für das „notwendigste“ reicht (einen gewissen Grad an Aktivismus brauche ich einfach in dieser Gesellschaft, weil ich es für mich wichtig finde diese (auch oft erkämpfte) Handlungsfähigkeit zu spüren).

Ich merke auch, wie es mir manchmal schwer fällt, mich selbst zurückzunehmen, wenn das viele Tun auch damit zusammenhängt, dass ich Aufgaben übernehme, um andere Aktivist_innen, denen es nach meinem Dafürhalten gerade noch „schlechter“ (mir fällt gerade keine bessere Formulierung ein) zu entlasten. Auch das schwierig und nicht in jeder Situation gleich aufzulösen.

Kleinste Ruhephasen sind wichtig. Ich mache Abends oft den Computer ab 20 Uhr aus und lese Bücher. Zwar beschäfftigen sich diese oft auch theoretisch oder „praktisch“ mit *istischen Strukturen, aber der Rhytmus ist ein anderer. Das Atmen fällt leichter als im Dauerhagel der digitalen Meldungen.

Ich muss handeln (im weitesten Sinne) können. Ohne mich dabei selbst durch zu viel Handeln in einem bestimmten Zeitraum an den Rand der psychischen und physischen Handlungsunfähigkeit zu bringen. Der Balanceakt ist unglaublich schwer. Und vielleicht sollten wir „alle“ häufiger – auch öffentlich – darüber reden, welche Strategien für einzelne von „uns“ funktionieren und gegenseitige Unterstützung erlebarer zu machen.

Steinmädchen schrieb:

Manchmal frage ich, warum wir immer von Burn-Out sprechen – so viel lieber als von Depressionen. Depressionen wirken so passiv, Burn-Out so wie: Ich habe zu viel geleistet, und deswegen geht nichts mehr. Ich frage mich, ob es Sinn ergeben würde, diese Trennung aufzuheben.

Hm, was mir hilft… Grenzen wahrnehmen lernen. Dabei radikal ehrlich zu mir sein. Nicht so wie ichs gerne emotional hätte, sondern so wies aussieht. Und dann entscheidungen treffen und konsequenzen ziehen. Wenn ich mich dafür entscheide, etwas zu tun, weil ich es wichtig finde, dann sollte ich dann auch sagen: Ich WILL das tun, nicht ich MUSS. Das hilft mir. Und wenn ich merke, es ist nur muss (gerade feministischer Aktivismus) dann muss ich etwas sein lassen.

Tatsächlich ist der gegenseitige Support für mich online nicht so sehr spürbar, wie offline. Mir fällt es auch oft schwer zu handeln, wenn ich die Personen nicht kenne – wann bedeutet eine Nachfrage, einer zu nahe zu treten, wann ist es angemessen zu reagieren auf Verzweiflungstwittermeldungen, wen darf ich wann darauf ansprechen?
Wenn offline eine mir bekannte Feministin sich gerade in was reinreitet, würde ich sie damit konfrontieren. Das könnte online ganz schön vor den Kopf stoßend wirken, daher tu ich das nicht.

Frage mich aber manchmal, was der richtige Weg ist sich wann mehr anzusprechen.

Lizzz schrieb:

Danke für diesen Artikel. Stelle gerade fest, dass dieser feministische Burn-Out auch wunderbar auf anderen aktivistischen Ebenen funktioniert. Helga erwähnte ja sowas schon. Würde mich selbst zwar als (diskussionsfreudige) Feministin bezeichnen, „aktiv“ bin ich aber eher im Bereich Tierrechte. Die Erfahrungen mit den nicht enden wollenden bad news ist allerdings genau gleich. Seufz.

Lea schrieb:

Ich habe weder facebook noch twitter oder sonst was (aus Überzeugung, gerade bei den Facebook Arschlöchern) aber ich habe einen Blog und ich lese andere Blogs, und da geschieht trotzdem genau dasselbe. Es ist nicht nur Feminismus, ich beschäftige mich mit Feminismus, Politik, LGBT, Atheismus und Religion, Tierrechten und Politik allgemein und es ist sehr sehr sehr hart. Ich habe auf jeden Fall (noch?) nicht die richtige Balance gefunden.

Karin schrieb:

Es gibt ein Buch auf deutsch zu dem Thema (ehrenamtlich übersetzt von 2 Frauen der filia Stiftung): “Was heisst denn hier Revolution, wenn wir nicht tanzen können?” – hier zum download: http://www.filia-frauenstiftung.de/fileadmin/filiarelaunch /FiliaEineTochterDerFrauenbewegung/Downloads /was_heisst_denn_hier_revolution.pdf

Hier ein Artikel (auf englisch) über das Thema von einer der Autorinnen, Jane Barry: http://worldpulse.com/magazine/articles/whats-the-point-of-the-revolution- if-we-cant-dance?page=0,1

Ihre “how to”-Vorschläge zum Thema “activist sustainability”: joining forces;
crying it out;
feeding the soul;

make sustainability part of our everyday lives; challenge yourself to challenge the culture.

Melanie schrieb:

@Steinmädchen Danke für diese Beobachtung! Ich habe darüber nachgedacht warum ich “Burnout” geschrieben habe. Der Grund ist, dass ich in diesem Fall genau das Ausgebranntsein meine bei dem für mich der Zusammenhang mit Aktivismus einigermaßen nachverfolgbar ist. Mir geht es dabei nicht darum, dass eine bestimmte Leistungen vollbracht haben muss, es reicht ja allein schon Dinge mitzubekommen um davon total erschlagen zu werden. Depressionen können solch vielfältige Ursachen haben und oftmals auch einfach “gar keine”. Genau das ist für Menschen so unendlich schwer zu verstehen, dass es keinen Grund gibt, warum eine jetzt traurig und niedergeschlagen ist. In diesem Fall kann ich aber sehr genau sagen: das zieht mich runter. Dennoch ist Burnout irgendwo auch ein Buzzwort und es wäre wirklich eine Überlegung wert, davon abzurücken.

Online ansprechen ist auch schwer, weil durch die Art der Kommunikation schnell Missverständnisse entstehen können. In den letzten Wochen hatte ich mehr und mehr das gefühl, dass meine ehemals vertraut wirkende Onlineblase sich zu einem unklaren Gewirr entwickelt hat. Es lässt mich ratlos zurück.

@Lizzz @Lea
Danke für eure Anmerkungen. Wichtig zu wissen, dass es mit anderen Themen genauso ist / sein kann. Würdet ihr sagen, dass euch zum Beispiel Tierrechte genau so nahe gehen können, wie Probleme die “euch persönlich” betreffen? Also ich möchte jetzt nicht von mir weisen, dass mich Tierrechte betreffen aber wenn es z.B. um meine Rechte geht, ist das für mich noch einmal emotional eine andere Stufe.

@Karin vielen Dank für die Quellen! :)
@alle Danke für eure ausnahmslos tollen Kommentare

Melba schrieb:

Auch wenn ich selbst keine Aktivistin bin, fühle ich mich von dem Artikel angesprochen. Die intensive Beschäftigung mit Feminismus in den letzten Jahren und meine wachsende Awareness für die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und dafür, wie sie mich und mein Umfeld beeinflussen, lassen mich auch manchmal regelrecht verzweifeln, auch wenn mir besonders der Netzfeminismus viel positive Energie und das Gefühl gibt, nicht alleine mit meinen Problemen zu sein.

Manchmal denke ich fast, es ist ein zweischneidiges Schwert, sich der Probleme bewusst zu sein aber gerade deswegen auch umso notwendiger.

Lizzz schrieb:

Hm, gute Frage, ob mir das Thema “Tierrechte” ebenso nah geht wie meine persönlichen Unrechtsbelange (besserer Ausdruck fällt mir grad nicht ein).

Ich denke, ja, das frisst mich emotional genauso an. Was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass ich das eine Thema mit dem anderen und mit nochmal vielen anderen Themen verknüpft sehe. In allen Fällen dürfte es das Stichwort Machtverteilung sein, von dem ich mich persönlich betroffen fühle. Beim Thema Tierrechte gibt es eben auch sehr, sehr viele schlechte Nachrichten, immer wieder. Allein dass ich die mitkriege, wie Du ja auch schreibst, erschöpft mich manchmal sehr. Bis dahin, dass ich mich frage, ob dieses ganze Kämpfen und Verbalisieren und Diskutieren überhaupt irgendeinen Sinn macht.

Dann brauche ich dringend positiven Input. Muss mich selbst daran erinnern, dass es etwas grundsätzlich Positives ist, was ich da mache. Und dass ich den Blick nicht darauf fokussieren darf, was alles noch NICHT geschafft ist (und vielleicht niemals “geschafft” werden kann).

Lea schrieb:

Ich denke das kommt darauf an, wie es formuliert ist und worum es genau geht. Prinzipiell würde ich auch sagen, dass mich rassistische Menschen die ich mitbekomme genauso belasten wie sexistische und das obwohl ich beim einen normiert “ok” bin und beim anderen nicht. Ich fühle all diese Sachen als Ablehnung von mir und meinen Werten. Es gibt mir alles ziemlich genauso das Gefühl, dass es keinen Nutzen hat und die Welt so schlecht ist. Es gibt da ja auch andere Konstellationen. Bei Feminismus und Rassismus stelle ich ja auch hohe Anforderungen an die Leute um mich herum, das heißt ich versuche mich vor Allem mit Menschen zu umgeben die da wenigstens ein wenig sensibiliert sind oder wenigstens kapieren was PC wäre. Bei Tierrechten geht das nicht. Ich kann mich gar nicht allen Menschen die nicht Veganern sind verschließen, zB. Und die Veganer und Tierrechtler die ich kenne können dann eben auch sexistisch,homophob fat-shaming, usw sein.

Ich bin auch “leider” extrem empathisch. In letzter Zeit hat sich bei mir auch beim Thema Sexismus einiges getan. Das heißt wenn ich jetzt “frauen sind so… und männer sind so…” lese, dann regt mich das nicht auf weil es sexistisch den beiden dargestellten Geschlechtern ist, sondern weil alles zwischendrin nicht zu existieren scheint, wenn ich 99% der Welt glauben schenke. Und wenn ich mir dann vorstelle ein Mensch zu sein, der nicht sagt “ich bin Mann” oder “Ich bin Frau” was für eine konstante Ablehnung von der Welt muss ich dann erfahren? Mir wird übel wenn ich nur darüber nachdenke.

Im Endeffekt heißt es, dass ich jeden Tag mit Menschen und mit Werten konfrontiert bin die ich schlimm finde und die mir das Gefühl geben, dass entweder ich oder der ganze rest der Welt beschissen und falsch sind. Und ich neige oft dazu zu denken, dass ich das dann wohl bin. Denn wieso treffe ich so wenig Menschen die konsequent selbstkritisch und weltkritisch sind, ob es um Geschlecht, Rasse, Verhältnis zu Tieren, zur Umwelt, Kapitalismus oder sonst was geht? Oder Menschen die wenigstens zur Debatte bereit sind?

Melba schrieb:

Ich sehe leider in meinem Leben keine Möglichkeit, mich vorwiegend mit Leuten zu umgeben, die für Sexismus oder Rassismus sensibilisiert sind. Eigentlich kenne ich in meinem direkten Umfeld niemanden, der sich mit dem Thema Feminismus auseinandergesetzt hätte, oder zumindest ist es mir von niemandem bekannt.
Allerdings muss ich auch anmerken, dass mein Umfeld sehr stark männlich* dominiert ist.
D.h., dass selbst die Personen in meiner Umgebung, die sich selbst als aufgeklärt bezeichnen und behaupten, für Gleichberechtigung zu sein, teilweise sehr sexistische Denkstrukturen aufweisen.
Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen, mir nahezu unmöglich eine sachliche Diskussion mit jemandem zu führen, weil meine Ansichten einfach so weit weg von denen der Anderen zu sein scheinen.

Ich fühle mich manchmal wie ein Alien, zum Glück zeigt mir wenigstens der Netzfeminismus, dass ich mit meinen Meinungen nicht alleine bin auf der Welt.

Manchmal bin ich auf einen mir nahe stehenden Menschen regelrecht wütend, wegen seiner Einstellungen, seiner Ignoranz, fühle mich auch mit meinen Werten nicht an- oder ernstgenommen.

Ich frage mich oft, inwieweit man jemanden für seine Wertvorstellungen verurteilen kann, schließlich sind wir alle auf eine Art von unserer Umwelt beeinflusst und geformt.

Und wie wirkt es sich auf eine gute Freundschaft oder Beziehung aus, wenn ein Teil für ein Thema wenig sensibilisiert ist, dass dem anderen Teil wichtig ist?
Ist es möglich, dies dauerhaft mehr oder weniger zu ignorieren und trotzdem eine enge Verbindung aufrecht zu halten?

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Teil 3: Ergänzungen

Den Titel „feministisches Burnout“ würde ich heute nicht mehr wählen, denn zum einen ist, wie Steinmädchen anmerkte, der Begriff Burnout an sich problematisch und darüber hinaus geht es (wie Helga richtig stellte) um Aktivismus (der feministisch sein kann, aber nicht muss). Den Begriff hatte ich unüberlegt aus dem Englischen übersetzt (vielleicht sogar falsch, weil es auch Feminist_innen Burnout heißen könnte). Seit der Erstveröffentlichung im November haben weitere Links zum Thema ihren Weg zu mir gefunden, die ich hier teilen möchte.

Problematisch an dem Begriff [Burnout] im Zusammenhang mit feministischer Arbeit ist auch, dass suggeriert wird, dass der Kampf krankmachend ist. Dass der Aktivismus das ist, was kaputt macht. Dabei sind es die Verhältnisse, die eine überhaupt in diese Auseinandersetzung zwingen.

Try to feel grateful for the feminist fatigue. A lot of people do this work out of sheer survival—the ability to notice your exhaustion and anger and sadness means you have space in your day and in your head, a privilege not afforded to many.

Außerdem kann hier im Kommentarbereich weiter auf die Diskussion, die Links, den Artikel und alles Aspekte die dabei unter gingen eingegangen werden.

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