#SchauHin – ein Hashtag, um Rassismus sichtbar zu machen

Inhaltswarnung: Rassismus, Volksverhetzung; diese Warnung gilt auch und im Besonderen für das in zwei zitierten Tweets verlinkte (Titan-)Pad!

Am 2. September 2013 fand in Berlin die Veranstaltung „Rassismus und Sexismus ab_bloggen“ statt, eine Podiumsdiskussion zum Thema begann um 18:30 Uhr. Als Diskutant_innen waren Kübra Gümüşay, Annett Meiritz, Sabine Mohamed und Niklas Hofmann eingeladen, die Moderation übernahm Yasmina Banaszczu. Gegen Ende der Veranstaltung kam die Frage auf, ob es nicht etwas Analoges zur #aufschrei-Kampagne (wir berichteten) geben könnte, in der Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ihre Erfahrungen sammeln können. Kübra schlug daraufhin vor, auf Twitter Vorschläge für einen Hashtag zu sammeln, was prompt in die Twitter-Sphäre weitergetragen wurde:

Heute, um 15 Uhr initiierte Kübra den Aufruf erneut:

Sehr schnell organisierten sich viele Twitter-Menschen auf einem – bereits zuvor – dafür eingerichteten Pad weiter, um die Hashtag-Vorschläge und eine Abstimmung zu organisieren, sowie über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Tags zu diskutieren. Es ist leider nicht verwunderlich, dass das Pad und die Texte der Aktivist_innen sehr schnell von Störer_innen und Rassist_innen torpediert wurden.

Glücklicherweise verkündete Kübra um 15:55 Uhr:

Der Vorschlag #SchauHin setzte sich gegenüber anderen wie #Abblocken, #Rausschrei, #Auf180, #AllRass, #Rassismus247 und #Tagesrassismus durch und seither steht Twitter nicht mehr still und unter dem Hashtag #SchauHin entsteht ein Sammelsurium an Erfahrungen, die Rassismus, Islam-Feindlichkeit, Antiromanismus und Antisemitismus vereinen.

Genauso wenig verwunderlich wie das reflexartige Auftauchen von Menschen, deren Anliegen es war, die Vorarbeiten im Pad unmöglich zu machen, ist der Umstand, dass der Hashtag rasch von Menschen vereinnahmt wurde, die von der Existenz eines Reverse Racism (= umgekehrter Rassismus) ausgehen. Weiße Menschen, die de facto nicht von Rassismus betroffen sind, sub_summieren unter #SchauHin „Urlaubserfahrungen“ oder Redewendungen wie „Kartoffel“, obwohl solche keinesfalls die Kriterien einer strukturellen Diskriminierung erfüllen. Auch belegen Rassist_innen den Hashtag, um unter diesem ihre rassistischen Ressentiments zu verbreiten.1

Obgleich die Vereinnahmung des Hashtags durch Rassist_innen und Vertreter_innen der Reverse Racism-These augenscheinlich nicht zu vermeiden ist und diese darüber hinaus diskriminierend und verletzend ist, gelingt es binnen kurzer Zeit einem Hashtag, gebündelt aufzuzeigen, wie viel Rassismus alltäglich passiert und wie viele Menschen hierzulande von Rassismus betroffen sind – auch wenn das für Betroffene mitnichten eine Neuigkeit, sondern alltägliche Realität ist.

Übrigens: Am 4. September 2013 wurde die Unterschriften-Aktion „Solidarität statt Rassismus – Es ist Zeit, den virulenten Rassismus zu stoppen“ gestartet, die ihr unterschreiben könnt.

Erschienene Artikel zu #schauhin (werden sukzessive nachträglich ergänzt)


1 Damit setzt ein ähnlicher Effekt wie im Rahmen von #aufschrei ein. Männer* propagieren unter #aufschrei nach wie vor Thesen einer verschwörerischen Aktion, ihr „Anrecht“ auf einen Betroffenheitsstatus hinsichtlich Sexismus und viele Menschen verwenden den Hashtag, um selbst Sexismus zu re_produzieren.