Meine Musik, deine Musik und warum Empowerment individuell ist

Spice Girls Illustration

Spice Girls Illustration von Minna

In den letzten Tagen/Wochen sind nicht nur bei uns, sondern auch auf anderen gesellschaftskritischen Blogs entzückende Playlisten erschienen. Sie haben in gewisser Weise alle etwas von den folgenden Dingen gemeinsam: die Liebe zur Musik, Musik als politisches Mittel und den Empowerment-Gedanken. Insbesondere die letzten zwei Playlisten auf der Mädchenmannschaft, die eine von Sabine, die andere von Anna-Sarah haben kontroverse Diskussionen ausgelöst darüber, was als supportiv erachtet wird und nicht.

Diese Diskussion bringt mich zu einem Punkt bzw. zu mehreren Fragestellungen, die mir schon sehr früh in der alternativen (Indie)-Musik-Szene und in linken Zusammenhängen begegnet sind: Welcher Musik gebührt Anerkennung? Welche Musik darf sich feministisch/herrschaftskritik labeln? Und welche Künstler_innen dürfen das? Welche Musik ist unterstützenswert und welche Musik hat die BerechtigungTM, zu Empowerment-Zwecken genutzt zu werden? Im Zusammenhang mit diesen Fragestellungen beobachte ich seit Jahren den Trend, dass insbesondere solche Musik als kritikwürdig eingestuft wird, die dem sog. MainStream respektive RnB, HipHop etc. zugeordnet werden kann, so als existiere eine Dichotomie zwischen schlechter/nicht-legitimerTM und guter/legitimerTM Musik.

Versteht mich nicht falsch, ich finde Kritik und eine gewisse Awareness sehr wichtig und auch, darauf zu reagieren! Ich beziehe mich mit meiner Beobachtung auf jene Kritik, die letztlich verwässert und undurchsichtig bleibt, weil sie entweder nicht gescheit argumentiert wird oder mit unbegründeten Pauschal-Annahmen/-aussagen daher kommt á la „der Main-Stream-Musik-Markt ist nicht emanzipatorisch“ oder „P!ink ist nicht feministisch“ etc.

Geschmäcker sind verschieden

Die Sache hat im Prinzip einen grauen langen Bart: Geschmäcker sind verschieden. Ich fände es mehr als erstrebenswert und bereichernd, wenn wir das einfach mal akzeptieren würden und ich gehe noch weiter: Ich fände es umso schöner, wenn jede_r Einzelne sich vielleicht auch mal für den ein oder anderen Moment öffnen könnte, sich anzuhören, warum diese andereTM Musik so gemocht wird. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem Kollegen, der mir von der Liebe zu einer Heavy-Metal-Band erzählte und dabei so enthusiastische Begründungen und Analogien zückte, dass ich mir am nächsten Tag ein Album dieser Band auslieh, obwohl das gar nicht so „mein Genre“ war damals.

Was empowernd ist, hängt (auch) von individuellen Lebenserfahrungen ab

Musikstücke, die empowern, tun das in der Regel, weil sie eine bestimmte politische Aussage haben, bestimmte Erfahrungen wiedergeben oder uns erinnern an schöne Lebensmomente. Es ist also durchaus sehr individuell, welche Musik für den einzelnen Menschen empowernd ist und welche nicht. Vielleicht findet eins sich auch im Charakter des_der Künstler_in wieder oder es gibt Parallelen in der Biografie.

Im feministischen/herrschaftskritischen Kontext kommt hinzu, dass die Antwort auf die Frage, ob und von welcher Diskriminierung ich betroffen bin und von welcher nicht(!), – sehr wahrscheinlich – Einfluss auf meine Musiker_innen-Auswahl hat. Diese Reflexion kann wirklich hilfreich dabei sein, den Empowerment-Aspekt von Musik zu verstehen, die ich eher ablehne. Davon abgesehen: Es wäre doch auch hier schön, einander zuzuhören oder mal nachzufragen, „hey, was begeistert dich an Künstler_in x/y so?“.  Ich kann zumindest aus eigener Erfahrung sagen, dass durch solche Fragen sehr bereichernde und beglückende Dialoge und auch Freund_innenschaften entstanden sind.

Popkultur und *ismen

Diese ganze Musik-, Film-, Kunstszene ist voll mit *istischem Zeug. Wenn ich mein CD-Regal oder meine mp3-Sammlung durchschaue, dauert es nicht lange, bis ich an einen Act gerate, zu dem mir ein (*istischer) Fail einfällt. Auch die Indie-Szene ist nicht davor gefeit, Mist zu machen, ich erinnere nur mal beispielhaft an die Rassismus-Produktionen von Florence & The Machine und Lana del Rey. Ich habe mir schon oft die Frage gestellt und darüber auch mit anderen Musik-Freund_innen diskutiert, wie der Spagat zwischen Fail registrieren/wahrnehmen und Musik trotzdem hören/kaufen gelingen kann und ich bin mir immer noch nicht ganz schlüssig. Wichtig ist aber, denke ich, auch über den eigenen Tellerrand zu schauen und auch kritisch gegenüber dem eigenen Musik-Konsum und Musik-Geschmack zu sein. Denn da sieht’s oftmals nicht viel besser aus.

Zu Musik muss eins Zugang haben

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Twitter-Diskussion vor gut einem Jahr, die entbrannte, als ich mal sinngemäß sagte, dass ich die Spice Girls in meinen jüngeren Jahren sehr empowernd fand. Und ich erinnere mich noch genauso gut an den Shitstorm, der deswegen über mir herein brach.

Davon mal abgesehen, dass ich es immer wieder bemerkenswert finde, wie Menschen es sich erlauben, anderen vorzuschreiben, was sie zu ermutigen hat und was sie zu mögen haben: Ich hatte zu jener Zeit weder Zugang zu noch Ahnung von Riot Grrrls oder Feminismus. Ich lebte in einem Milieu, in der andere Dinge präsenter und vor allem wichtiger waren, sodass meine Musik-Wahl davon abhängig war, was mir durch diesen „Filter“ (noch) zugänglich war. Insofern sehe ich in diesen gemachten Pauschalisierungen und Vorschriften/Ansprüchen an die „wahre“ feministische Musik auch immer ein *istische Komponente, weil sie außer Acht lassen, dass Konsum auch von Barrieren, dem Milieu und nicht zu vergessen von materiellen Ressourcen abhängt.

Das Wort zum Sonntag

Teilt eure Musik, hört sie, hört sie kritisch und übt Kritik. Das ist wichtig. Es ist aber nicht ok, Musik und Musik-Genres pauschal in gut/politischTM und schlecht/unpolitischTM einzuteilen.

Zum Schluss gibt’s jetzt für euch den Auftritt der Spice Girls bei der Olympiade im letzten Jahr in London. Der hatte nämlich die hitzige Twitter-Diskussion damals ausgelöst. Und für alle, die sich für die feministische Einordnung der Spice Girls interessieren: dieser Artikel ist ziemlich gut (Englisch).  Amen.


Closing Ceremony – Spice Girls – London 2012… von yourlctv