Kategorien
Genderdebug

Empörst du noch oder diskutierst du schon?

Dieser Artikel ist Teil 21 von 48 in der Serie Community Monday

Am ersten Montag im Monat werfen wir ein Thema in die Runde, ob aktuell oder zeitlos, über das wir uns gern mit euch austauschen wollen. Rege Beteiligung mehr als erwünscht!

Ihr habt Themenvorschläge für den Community Monday? Oder wollt sogar mal einen Artikel für die Reihe schreiben? Immer gern! Meldet euch einfach über das Kontaktformular!

In der letzten Woche hat das Netz mal wieder gebrannt. Empörung, Anprangerung, Diskussion. Auf allen Kanälen. Und dann dieser eine Artikel von Maike, der mich hat innehalten lassen. Das sind keine Diskussionen da im Netz. Das ist nur Empörung, nur anschreien und kein Zuhören. Joa, finde ich auch. Aber ist das jetzt nur mangelnde Gesprächskultur? Oder ist das vielleicht auch das Medium?

Wie gut kann ich überhaupt diskutieren, wenn ich nur 140 Zeichen habe? Oder ich mit 30 Leuten gleichzeitig diskutieren soll, wie das auf Facebook oft passiert. Ich persönlich finde Text basierte Diskussionen eh extrem kompliziert. Keine nonverbale Kommunikation. Emoticons sind auch in ausgefeilten Varianten nur ein schwacher Ersatz. Sich falsch verstehen ist so einfach wie nix anderes.

Und dann noch die erhöhte Geschwindigkeit und die vielen Kommunikationspartner_innen. Wie soll eine_r vernünftig diskutieren, mit 30 Leuten parallel. Die alle unterschiedliche Informationsstände, Einstellungen, Meinungen haben? Und dann am besten über drei Tage verteilt. Ein Satz alle zwei Stunden, in der Mittagspause, von der Bahn aus.

Das auf Facebook und Twitter vor allem Empörung stattfindet und Meinungsabgabe ist m.M.n. alles andere als verwunderlich. Und für mich persönlich auch vollkommen ok. Ich finde es gut, wenn ich mich auf Facebookwalls von Unternehmen, Sendern, Zeitungen über ihre letzten *istischen Fails beschweren, empören kann. Da will ich gar nicht diskutieren.

Diskutieren geht vielleicht in Blogs oder per Mail. Was ich jetzt auch nicht so einfach finde, aber es hat zumindest den Vorteil von mehr Platz, weniger Gesprächspartner_innen, mehr Zeit. Und das sind m.M.n. schon sehr essentielle Punkte für eine bessere Gesprächskultur. Wenn es dann immer noch nix wird, dann eben nicht. Auf beiden Seiten. Internetkommunikation hat für mich einen ganz entscheidenden Vorteil. Ignorieren ist leicht, so leicht.

 

Und was meint ihr? Empörung geht vor Diskussion? Mangelnde Gesprächskultur oder Medienproblem? Twitter/Facebook-Diskussionen super oder grauenvoll?

 

Weitere Artikel in dieser Serie<< Was war, was wirdWas spielst du – auf dem Tisch? >>

Von Susanne

Susanne ist zur Zeit hauptberuflich Weltenbummlerin und Bloggerin. Zuvor studierte sie Medientechnologie und arbeitet ein Jahr als Systemingenieurin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehn. Zum Geek wurde sie vorallem über Computerspiele und die unlängst erwachte Freude am Webprogrammieren. Die Feministin in ihr ist sowohl Ergebnis einer empowernden Familie als auch eine Antwort auf die Erfahrungen mit dem Rest der Welt.

9 Antworten auf „Empörst du noch oder diskutierst du schon?“

Ich kann Maike nur zustimmen, denn meinem Eindruck nach befinde ich mich gerade auch in genau so einer „Diskussion“ zu eben diesem Thema auf FB. Dort scheint leider an einer echten Diskussion kein Interesse zu bestehen, sondern ich wurde indirekt zurechtgewiesen, ich solle mich besser informieren (wsl weil ich dann wohl automatisch zu der gleichen Ansicht gelangen müsse…). Das finde ich schade, denn gerade wenn jemand noch keine komplett ausgeformte Meinung hat und noch nicht über die perfekte politisch korrekte Sprache verfügt, sollten diejenigen, die meinen schon „weiter zu sein“ Interessierte mit offenen Armen empfangen statt ihnen brüsk zu begegnen.

Dass ich mitdiskutieren will zeigt doch, dass ich dabei bin, mich für das Thema zu sensibilisieren und das sollte unterstützt statt unterbrochen werden…wäre zumindest sinnvoller…

Kann verstehen, dass wenn eine schon zum x-ten Mal erklären muss, keine Ressourcen (mehr) da sind um das in epischer Breite allen zu erklären und jede_n dort abzuholen wo er_sie steht. Hinzu kommt, dass es ziemlich absurd ist, von Betroffenen zu verlangen, dass sie ausführlich erklären, warum das nun nicht in Ordnung ist (passt auf vielerlei Diskussionen).

Andererseits glaube ich, dass ich auch deinen Punkt auch verstehe, denn wenn ich mich heute mit meinem Wissen von vor drei Jahren irgendwo einbringen würde, würde ich wohl genauso „zurechtgewiesen“ werden. Andererseits äußere ich persönlich mich auch eher selten, wenn mir bewusst ist, dass ich zu dem Thema noch nicht viel Hintergrundwissen habe.

Ja, verstehe ich, dass das mühsam sein kann und das erwarte ich jetzt auch nicht zwingend von Betroffenen – es empören sich (zu Recht!) ja meist auch „nicht-Betroffene“ (wobei ich finde, dass von Rassismus/Sexismus mehr oder weniger direkt jeder betroffen ist).
Trotzdem finde ich es nach wie vor kontraproduktiv, wenn Interessierte „ausgebremst“ werden. Wer keine Lust zu langen Erklärungen hat, kann ja was verlinken oder garnichts schreiben.

In der von mir erwähnten Diskussion habe ich übrigens meinen Eindruck angesprochen und alles wurde zur Zufriedenheit geklärt :)

Es gibt einige Dinge, bei denen weiß ich nicht, was man noch diskutieren sollte. Sexistische oder rassistische Gewalt ist nicht ok.

Um auf die Diskussion bei FB zurück zu kommen. Da haben gleich am Anfang Leute ausführlich erklärt, warum sie das Thema nicht mehr „diskutieren“ wollen. Es wurden einige Texte verlinkt und in denen sind jede Menge weitere Links gewesen. Und dann beginnt die Debatte von vorn. Uff.

Dazu kommt: In dieser Debatte wird jetzt seit Wochen auf Betroffene eingeschlagen, ständig diskriminierende Sprache verwendet. Nicht-Betroffene, die sich solidarisch zeigen, werden ebenfalls diffamiert. Und dann kommt in jeder zweiten Nachfrage von Interessierten immer noch diskriminierende Sprache vor.

Trotzdem machen sich dann immer noch Leute die Mühe, lange auf Argumente einzugehen. Bei der Nachfrage „warum willst Du denn nicht Fotze genannt werden?“ würde ich mich bestenfalls wortlos umrehen und weggehen.

Mein Fazit bei der „Diskussionsdebatte“ ist an vielen Stellen einfach dies.

Ich habe vor kurzem für mich beschlossen, nicht mehr groß in Diskussionen in Kommentarbereichen, Foren oder ähnlichem zu investieren. Zu unübersichtlich, zu durcheinander. zu viele Nebenstränge. Dann lieber: Ein Text, ein Kommentar, und fertig. Wenn ich mehr zu sagen habe, schreib ich es bei mir selber hin. Ich finde es auch immer etwas ‚unhöflich‘, in Kommentaren längere Diskussionen anzufangen. Es geht schließlich darum, etwas zu dem Text selbst zu sagen, wie ich für mich finde.

Eine wirklich sinnvolle (d.h. produktive) Diskussion geht für mich meist nur mit einem einzigen Gegenüber. Da ist dann das Format aber fast egal, ob nun unter vier Augen oder online, per Mail oder Chat.
Mit mehreren Menschen vernünftig zu diskutieren, in einer Art Gesprächsrunde – das geht meinem Empfinden nach nur ‚in Fleisch und Blut‘, und mit Leuten, die entsprechende Geduld und Selbstdisziplin aufweisen (und da bin ich nicht mal sicher, ob ich das könnte ^^). Vielleicht noch in Chats. Aber dann wohl auch eher einigermaßen moderiert.

Diskutieren per Text hat für mich den Vorteil, dass ich notfalls drei, vier mal nachdenken kann bevor ich mich äußere. In einem Gespräch fliegen die Gedanken schneller, und die Gefahr ist bei mir dann größer, einen wichtigen Punkt zu vergessen.

Was ich in jedem Fall nicht glaube: Dass Empör- statt Gesprächskultur viel mit dem Medium zu tun hat. Wir alle sind meiner Ansicht nach der Verlockung ausgesetzt, uns unliebsame Äußerungen in ein ‚feindliches Lager‘ zu stellen und ein Fass aufzumachen, ob nun im Meatspace oder in der Pixelwelt. So sind wir nun mal gestrickt. Und auf Twitter wie auch am Kantinentisch beobachte ich jeden Tag, wie dieser Versuchung nachgegeben wird, auch bei mir selbst ;) Aber alles Erfahrungs- und Übungssache, die Empörungsimpulse ein wenig zu bändigen.
Und ich kann auch nicht mal pauschal sagen, dass Empörung immer etwas schlechtes oder unsachliches wäre. Manchmal mobilisiert sie doch wunderbar gegen haarsträubendes Unrecht. Manchmal aber kann sie einen notwendigen Dialog auch sehr behindern.

Ich finde das Thema kompliziert. Ich verstehe wie diese Eindrücke entstehen können und glaube vor allem auch, dass nicht jedes Medium, jede Kommunikationsart für alle Menschen gleich geeignet ist (mich überfordern z.B. Chats und Skype(telefon)konferenzen eigentlich total), aber auf der anderen Seite sträubt sich vieles in mir dagegen:

Ich habe jedenfalls schon wirklich viele gute Diskussionen auf FB gehabt. Und ich diskutiere auf FB auch mit Menschen, die überhaupt nicht in Blogs kommentieren und mit denen ich kaum an anderer Stelle ins Gespräch kommen würde.

Und auch finde ich es schwierig, dass der Ruf nach einer „besseren Gesprächskultur“ ™ von vielen kommt, wenn *istische Gesellschaftszustände angeprangert werden und dann halt besonders häufig von Personen, die bestimmte Privilegien haben. Diese Unterteilung zwischen Empörung und Diskussion kann da schnell zu einer hierarchisierten Einordnung von Redebeiträgen führen. Dabei werden häufig jene, die von *ismen betroffen sind als „Empörte“ kategorisiert und jene, die eben nicht von den entsprechenden Diskriminierungen betroffen sind, können sich als sachlich ™ diskutierende stilisieren.

Ich glaube, was eine_r bei der Debatte um Diskussionskultur im Netz nicht vergessen darf, ist die Frage, über welches Thema diskutiert wird.

In herrschaftskritischen Kontexten ist die Herstellung oder das Beibehalten einer DiskussionskulturTM sehr schwer, weil erfahrungsgemäß Diskussionsmechanismen ins Spiel kommen, die eine fruchtbare DiskussionTM ausschließen, Stichwort Derailing.

Ich finde Maikes Text auch insofern auch problematisch, als dass er eben auch auf das Tone Argument abzielt, was auch oft herangezogen wird, um bewusst von der Diskussion abzulenken.

Charlott trifft eigentlich den Nagel auf den Kopf:

Diese Unterteilung zwischen Empörung und Diskussion kann da schnell zu einer hierarchisierten Einordnung von Redebeiträgen führen. Dabei werden häufig jene, die von *ismen betroffen sind als “Empörte” kategorisiert und jene, die eben nicht von den entsprechenden Diskriminierungen betroffen sind, können sich als sachlich ™ diskutierende stilisieren.

Ganz allgemein gesprochen, finde ich die – nicht auf auf eine Zeichenanzahl beschränkte – „digitale“ Diskussionen nicht minder fruchtbar, nur ist da einfach noch eine andere Sensibilität von Nöten, weil eben wichtige Kommunikationskanäle wegfallen (Gestik, Mimik, Stimme).

Twitter habe ich für mich als „Diskussionsplattform“ abgeschafft, weil diese 140-Zeichen-Beschränkung zu verlockend für passiv-aggressive oder kryptische Nachrichten ist. Die sind dann einfach zu missverständlich bzw. zu vieldeutig für mich und das beschäftigt mich dann einfach viel zu lange und viel zu viel und dann fühle mich ziemlich überfordert und ausgesaugt.

Das mit dem Ignorieren kann ich übrigens nicht bestätigen. Selbst wenn es da digitale Hilfsmittel gibt (Blocken, Ignorieren), emotional beschäftigen kann mich eine Diskussion im Netz genauso wie eine im „real life“TM.

Schreibe einen Kommentar zu Maya Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.