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Causa Jacob Appelbaum: Brauchen wir Public Shaming?

[CN: Sexualisierte Gewalt, Abuse, Harassment]

Vor wenigen Tagen wurde Jacob Appelbaum aus dem Tor-Projekt gegangen, nachdem schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, die wenige Tage später öffentlich gemacht wurden. Es geht um Plagiarismus, Harassment und mehrfachen sexuellen Missbrauch; ein Opfer spricht selbst von Vergewaltigung.

Der Fall hat es in die Schlagzeilen der großen Nachrichtenportale geschafft und wird innerhalb der Hackerszene kontrovers diskutiert. Besonders der deutschen, denn Appelbaum lebt seit Jahren in Berlin und hat viel Kontakt zur deutschen Technik- und Nerdszene gehabt, unter anderem auch im Chaos Computer Club (CCC). Auf dem 29c3 hielt er sogar die Keynote. Im Chaos-Umfeld äußern sich eine Menge Leute darüber, dass ihnen die Vorwürfe nicht neu sind; IT-Portale wie Golem.de berichten, ihnen seien sie „seit längerem bekannt“ gewesen. Als Reaktion auf die Vorwürfe kommen Geschichten weiterer Opfer ans Licht; als prominentes Beispiel veröffentliche der in der deutschen Hackerszene sehr anerkannte amerikanische Hacker Nick Farr seine eigenen Erlebnisse mit Harassment durch Appelbaum auf dem 30C3. Dies sei der wahre Grund, weswegen er seitdem keine Chaosevents mehr besuche.

Es erscheint vor dem Hintergrund dieser breiten, unabhängigen Stimmen vollkommen unrealistisch, dass es sich um eine orchestrierten und gezielten Schmutzkampagne gegen Appelbaum handelt, wie dieser in seinem Statement behauptet. Konkret bestreitet er übrigens interessanterweise lediglich den Vorwurf des „criminal sexual misconduct“, was angesichts der riesigen Lücken im deutschen Sexualstrafrecht nicht gerade viel bedeutet. Die sehr spezifischen Formulierungen seines Statements sind auch anderen aufgefallen.

Pikant ist, dass gerade nach den Ereignissen des 29C3 sich Netzfeminist*innen für eine effektive Anti-Harassment-Policy bzw. einen Code of Conduct stark machten, die aber bis heute auf Chaosevents nicht umgesetzt wurde. Auch hier auf Femgeeks wurden dafür konkrete Vorschläge diskutiert. In den letzten Jahren gab es auf dem Congress zumindest ein Awareness-Team, in dem ich letztes Mal auch selbst mitgearbeitet habe. Dennoch bleibt das flaue Gefühl: hätte eine deutlichere Policy zumindest im Falle von Nick Farr geholfen? Ob ein Rausschmiss einer mächtigen Szenegröße wie Appelbaum wegen Harassment dann tatsächlich realistisch stattgefunden hätte, darf aber bezweifelt werden. Das systematische Problem, dass missbräuchliches Verhalten akzeptiert wird und nicht genug Konsequenzen hat, bleibt – gerade bei Szenegrößen. Interessant ist, dass das Tor Project seit vielen Monaten an einem Code of Conduct arbeitet, der aber bislang nicht veröffentlicht wurde.

Die Reaktionen der Community auf die öffentlichen Vorwürfe, dieses public shaming, sind deutlich gespalten. Während viele sie ernst nehmen, kritisieren auch viele, dass die Seite jacobappelbaum.net ein öffentlicher Pranger sei und dass man besser zur Polizei habe gehen sollen – ungeachtet der detaillierten Ausüfhrungen auf der Seite, warum diese und andere Möglichkeiten nicht sinnvoll erschienen. Das hindert natürlich gar nicht betroffene Nerd-Macker wie Fefe nicht davon ab, ihr typisches victim blaming zu betreiben und den Opfern gar eine Mitschuld für zukünftige Übergriffe zu unterstellen, wenn sie keine Anzeige erstatten. Das gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Falls von Gina-Lisa Lohfink wirklich perfide, wo die Betroffene selbst in einem komplett eindeutigen Fall mit Beweisvideo, in dem sie eindeutig „aufhören“ sagt, noch zur Täterin gemacht wird.

Ich verstehe nicht, warum man das dauernd wiederholen muss, obwohl es so eine so einfache Wahrheit ist, aber: diese Verantwortung bei den Opfern zu sehen ist IMMER falsch. Egal ob es um Vergewaltigung oder irgendeine andere Straftat geht. Betroffene entscheiden selbst, wie viel Energie es in etwas reinstecken wollen, wie viel Risiko sie bereit sind zu tragen. Sie haben ein Recht darauf, sich um ihr eigenes Wohlsein zu kümmern. Traurigerweise funktioniert Abuse bei den meisten Menschen einfach, und das nicht wegen einer eigenen Willensschwäche, sondern weil Manipulierbarkeit verdammt menschlich ist. Die grundlegende Beeinflussbarkeit der menschlichen Psyche kann als gegeben hingenommen werden. Die Frage, die man sich also stattdessen stellen sollte: was kann eine Community besser machen, um Abuse abzufedern oder wünschenswerterweise zu verunmöglichen? Nun, da haben wir wie gesagt hier auf Femgeeks bereits drüber gesprochen. Und Netzfeminist*innen haben die internen Probleme der Chaos-Community schon vielfach analysiert. Man müsste ein paar Leuten vielleicht mal glauben und zuhören…

Mit einer besseren, sich gegenseitig stärker kontrollierenden Community und deutlicheren Regeln würden sicherlich viele Fälle von Missbrauch aufgedeckt und verhindert werden können. Daran sollte definitiv gearbeitet werden! Aber klar ist auch, dass sie kein Allheilmittel darstellen, gerade gegen in einer Community etablierte Abuser, die auch ein Awareness-Team noch manipulieren und womöglich sich selbst noch als Opfer stilisieren können. Was mir daher nicht gefällt ist der Gedanke, diese Frühwarn-Möglichkeiten bloß mit dem Grund zu schaffen, dass damit public shaming verhindert und delegitimiert wird, oder wie es Fefe formuliert:

Wie können wir in Zukunft dafür sorgen, dass niemand glaubt, er müsse einen anonymen Internet-Pranger aufmachen, weil die anderen Optionen alle nicht wirken?

Ich möchte an dieser Stelle lieber eine Lanze brechen für die Veröffentlichung von Vorwürfen, gerade im Bereich sexualisierter Gewalt. Es wird auch in der besten Community noch eine Menge Gründe geben, diesen Weg zu wählen. Hier sind ein paar davon:

  1. Öffentlichkeit schafft Awareness für ein Problem. Ohne die Öffentlichmachung aktuell würde wieder keiner glauben, dass sich was ändern muss. Die Hackerszene hat offenbar so ernste Probleme, dass Gerüchten um vielfachen Abuse zwar im Raum stand und anscheinend breit bekannt waren, ihnen aber nicht ausreichend nachgegangen wurde.
  2. Interne Strukturen können gut vernetzten Abusern helfen und sie schützen. Bei den Missbrauchsfällen der katholischen Kirche haben irgendwie alle verstanden, warum eine interne Abhandlung von Missbrauch keine gute Idee ist. Warum nicht auch hier?
  3. Öffentlichmachung kann für eine größere Beobachtung von Abusern führen und damit zukünftigen Abuse verhindern. Natürlich können Menschen weiterhin sagen: die Behauptungen sind unbelegt, ich werde diesen Menschen nicht vorverurteilen. Das für sich so zu entscheiden, ist völlig okay. Aber gleichzeitig werden Menschen sensibler auf auch nur leichte Grenzverletzungen werden, wachsamer sein und befähigt, die Abuse-Strategien als solche zu erkennen und zu handeln.
  4. Anonyme Veröffentlichung erlaubt es Opfern, nicht mehr als nötig zu riskieren und unerkannt zu bleiben. Das ist das Whistleblower-Prinzip. Warum gerade die Nerd-Community bei diesem Whistleblowing einen anderen Maßstab anlegt, geht es bei Appelbaum doch zweifellos um einen relativ mächtigen Menschen mit viel Einfluss? Vermutlich weil er als „einer von uns“ gehandelt wird.

Das Problem ist natürlich: public shaming kann wie jede Methode missbräuchlich eingesetzt werden und als öffentlicher Pranger missverstanden werden. Appelbaum hat kein Harrassment oder Drohnachrichten verdient, egal wie viel an den Vorwürfen dran ist. Aber das Werkzeug des public shaming ist nicht per se böse und falsch und es ist gefährlich, es so darzustellen – denn was sonst bleibt Opfern denn um andere zu schützen, gerade wenn „zur Polizei gehen“ nix gebracht hat oder bringen würde? Das ist alles eine Sache der Abwägung und der umfangreiche FAQ auf jacobappelbaum.net legt nahe, dass sich die Betroffenen in diesem Fall intensive Gedanken darüber gemacht haben und es wirklich keine andere Möglichkeit gab. Es hilft am Ende den Abusern, wenn sie wissen, dass eine bestimmte Art sich gegen sie zu wehren tabu ist.

Die Methode muss also mit viel Bedacht eingesetzt und von uns allen bewertet werden. Sie ist nicht automatisch okay, sondern basierend auf den Umständen. GamerGate hat das public shaming vielfach genutzt und stets für Schmierkampagnen missbraucht: schon der Beginn der Hassbewegung war ein solcher Fall, in dem ein rachsüchtiger Mann den privaten Zerfall seiner Beziehung zu einer bis zu GamerGate völlig unbekannten Indie-Spielentwicklerin öffentlich machte und eine Verschwörungstheorie darum sponn. Appelbaum ist dagegen eine öffentlich beachtete Person mit viel Macht, die sich wenn man den Vorwürfen glaubt schon seit vielen Jahren und gegenüber vielen Menschen missbräuchlich verhält, unter anderem denen, die mit ihm im Tor-Projekt gearbeitet haben. Und selbst ganz unabhängige, renommierte Personen wie Nick Farr äußern sich bestätigend. Ein himmelweiter Unterschied also.

Die Veröffentlichung von Abuse erscheint besonders dann wie der einzig realistische Weg, wenn es um Handlungen geht, die moralisch unter aller Kanone, aber nicht per se strafbar sind und von den Strukturen in denen sie passieren lange Zeit ignoriert werden. Darum ist es auch widersinnig, für die Bewertung von Missbrauchsfällen andauernd auf die Polizei und das Gesetz zu verweisen. Die Gesetzeslage ist dafür, wie wir unser Miteinander bewerten, vollkommen egal: legality is not morality, Leute! Bei den Panama Papers haben das noch alle verstanden und die (legale!) Steuerhinterziehung scharf kritisiert – das geht auch mit vollkommen nicht-strafbarem Missbrauchsverhalten. Eine funktionierende Community benötigt immer eigene Regeln, und diese müssen deutlich spezifischer sein als „Be excellent to each other“. Ich kann Leute nicht wegen einem subjektiv zu wenig empfundenen Mangel an „excellency“ von einer CCC-Veranstaltung ausschließen, aber sehr wohl für klar definiertes Harassment wie „da lässt mich jemand nicht in Ruhe, schüchtert mich ein und hinterlässt in meinem Hotelzimmer Drohnachrichten“, wie es laut Nick Farr bei ihm geschehen ist.

Dankenswerterweise geht die öffentliche Diskussion weniger darum, ob Appelbaum nun ein Arschloch ist oder nicht, sondern wie sich Abuse gerade innerhalb der Community und auf Chaos-Events besser verhindern lässt. Ja, lasst uns eine bessere Community bauen! Und zwar eine, in der wir uns auch trauen öffentlich zu machen, wer sich scheiße verhält und welche Leute diese Menschen unterstützen. Auch im Falle von Jacob Appelbaum gibt es ein großes Netzwerk von Menschen, das an ihm dranhängt – und es ist wichtig, bei diesen Menschen in Zukunft besonders vorsichtig zu sein, aufeinander acht zu geben. Wir brauchen eine Kultur des Zuhörens statt Weghörens, anstatt Harassment auf einem Event oder innerhalb einer Community zum Privatproblem der beteiligten Menschen zu erklären oder ihnen gar „Drama machen“ vorzuwerfen. Seid wachsam! Natürlich ist es schön, wenn Probleme anders geklärt werden – aber Betroffene haben in meinen Augen immer die Berechtigung, über das von ihnen Erlebte zu sprechen. Es darf niemals Ziel sein, das zu verhindern.

Ob die deutsche Hacker-Community Community es schafft, die Prioritäten richtig zu setzen, sehen wir in knapp 7 Monaten: wenn Jacob Appelbaum trotz der Vorwürfe und dem in der Community breit bekannten Wissen um sein dauerndes Fehlverhalten den 33C3 trotzdem betreten dürfte, wäre das in meinen Augen ein Armutszeugnis für den CCC.

Update: Es haben sich inzwischen eine Reihe weiterer Personen den Vorwürfen angeschlossen.

  • Die Entwicklerin Leigh Honeywell bloggt über das missbräuchliche Verhalten Appelbaums in einer sexuellen Beziehung mit ihm vor 10 Jahren. Er habe immer wieder Grenzen überschritten und sie öffentlich gedemütigt.
  • Gegenüber Dailydot bestätigen gleich drei aktuell bei Tor angestellte Menschen (zwei werden namentlich genannt), dass sie manche der auf jacobappelbaum.net genannten Opfer persönlich kennen und ihre Geschichten wahr sind.
  • Der Entwickler Emmerson Tan beschreibt einen von ihm beobachteten Übergriff Appelbaums, der sich nach Recherchen von Dailydot (gleicher Artikel wie oben) auf dem 32C3 abgespielt hat und übereinstimmend von vier bekannten, namentlich genannten Personen der Tech- und Security-Community bestätigt wird. Laut Tan sei es auch deshalb so schwer, den sexuellen Missbrauch gegenüber der Polizei anzuzeigen, weil die Security-Community ein Opfer dann prompt als Verräter oder Handlanger des Staates darstellen würde. Unrealistisch erscheint das nicht: bei Julian Assange haben wir genau dieses Verhalten beobachten können.

Auf Twitter wird derweil auch das Thema der Komplizenschaft mit Appelbaum diskutiert – unter anderem werden Vergleiche mit dem Missbrauch von Jian Ghomeshi gezogen.

Titelbild: Wikipedia / Tobias Klenze / CC-BY-SA 4.0.

15 Antworten auf „Causa Jacob Appelbaum: Brauchen wir Public Shaming?“

Wenn ich die Vorwürfe gegen Applebaum mit den Beschreibungen der Zeuginnen gegen Assange vergleiche und dann auch noch die Seeliger-Beckedahl-Geschichte in Betracht ziehe, stellt sich mir die Frage, ob es nicht sogar so etwas wie ein netzszenespezifisches Muster sexueller Übergriffe gibt.

Lieber Thomas,

tatsächlich gibt es Muster, die haben auf den ersten Blick aber wenig mit dem Netz zu tun, sondern eher mit individuellen Charakterzügen. Fefe hat das A-Wort gebraucht und, nun ja, da bleibt halt die Frage: warum halten wir Frauen uns von solchen „Alphas“ nicht einfach fern? Ein weiteres Muster fällt mir natürlich noch ein: Alkohol etc. pp. spielen natürlich auch eine Rolle bei sexuellen Übergriffen.

An sich ist mal wieder schön erkennbar in dieser Sache, dass auch diejenigen Männer, die eigentlich überhaupt keinen Anlass haben, sich mit den „Alpha-Mackern“ zu solidarisieren, das sehr schnell machen. Dieses Muster könnte man „Patriarchat“ nennen, wenn man das böse P-Wort in den Mund nehmen will.

Im Übrigen sehe ich es nicht so, dass Assange und Appelbaum Congressverbot bekommen sollen, so wie es hier in dem Artikel gefordert wird. Wir sind alle erwachsene Menschen (außer den jugendlichen Teilnehmerx) und niemand ist gezwungen, mit Appelbaum in die Badewanne zu steigen. Ich teile einige Ideen in diesem Artikel, widerspreche dabei auch Fefe, der sich banal über einen „Internetpranger“ erregt hat. Wie das Beispiel Münkler gezeigt hat, muss man sowas z.B. mit Hinblick auf zukünftige Arbeitsverhältnisse heutzutage nun mal anonym machen.

Gleichzeitig aber abermals ein Plädoyer für starke Frauen, selbstbestimmte Sexualität und die Entwicklung eines eigenen Willens. Wir Frauen sind stark geprägt von Rollenvorstellungen, die uns in die Passivität bringen, ob durch Religionen, durch Hollywood-Filme oder andere Traditionen. Auch Frauen müssen Verhaltensweisen ändern, damit Frieden und sexuelles Glück möglich sind.

Und daran sollten auch Männer ein Interesse haben, nämlich all diejenigen, die eben nicht solch langweiligen, konventionellen Sex haben wollen. Ich habe nicht das Gefühl, dass in Club-Kreisen in diesem Bereich eine Bewegung besteht, wenige Ausnahmen wie Andreas Bogk, der sich seit Jahren zu diesem Thema engagiert, mal ausgenommen.

Noch mal zu den „Mustern“: Man muss ja auch sehen, dass die Netzszene sehr divers ist, ein Hacker hat wenig zu tun mit einem Social Media Manager. Ich würde denken, dass die Leute mehrheitlich unter 60 und nicht-konservativ sind, also traditionelle Codes der Anbahnung nicht benutzen und außerdem als „locker“ gelten wollen, was zu unübersichtlichen Situationen führen kann.

Beste Grüße aus dem konservativen Bonn,

Julia

Hast du Nick Farrs Geschichte gelesen? Es war laut diesem selbst einem etablierten, bekannten Mitglied der Hackerszene wie ihm offenbar nicht möglich, das Harassment durch Appelbaum zu stoppen. Ich denke, mit der Aufforderung sich eben nicht verarschen zu lassen unterschätzt du die Macht von gut vernetzten Abusern. Besonders in einer Atmosphäre wie bei Chaos-Events, wo Menschen tendenziell sozial ihr Visir oben lassen und offen auf andere Menschen zugehen, anstatt permanent in Bereitschaft stehen, ihre Grenzen zu verteidigen. Das Problem ist nicht, dass irgendjemand der Masche von Appelbaum auf den Leim geht – sondern dass er für sein Fehlverhalten noch keine rote Karte der Community gezeigt bekommen hat.

Ich empfinde es übrigens als ziemlich vermessen, dass du Missbrauchsfälle zum Anlass nimmst, von „starken Frauen“ zu schwadronieren und ihre Verantwortung für „Frieden und sexuelles Glück“ zu betonen. Wir reden hier nicht von einer partnerschaftlichen Situation auf Augenhöhe, sondern vom einseitigen Überschreiten von Grenzen, vom nicht akzeptierten oder nicht einmal abgefragten „Nein“. Im Übrigen ist über das Geschlecht der anonymen Betroffenen sowieso nichts bekannt, es wird nichts darüber in den Vorwürfen erwähnt. (Nein, Genitalien sagen nichts über Geschlecht aus.)

Und der Hinweis ist offenbar notwendig: Es geht hier um Missbrauch (in vielfacher, nicht nur sexueller Form) und überhaupt nicht um die Frage, wie Leute aufregenderen Sex miteinander haben könnten oder gar sollten. Also bitte beim Thema bleiben. ;)

Natürlich habe ich Nick Farrs Artikel gelesen. Wenn es nicht um etwas Gemeinsames geht, warum gehen die Frauen dann nicht, wenn er anfängt zu grabschen, sondern steigen sogar noch in die Badewanne?

Weil die menschliche Psyche in Situationen, wo jemand dem du denkst zu vertrauen etwas tut, eine Weile braucht um zu kapieren was abgeht. Weil Menschen grundsätzlich manipulierbar sind. Bitte, setz‘ dich einmal mit der Psychologie von Missbrauch auseinander – „Why does he do that?“ ist auch schon bald 15 Jahre alt, das ist keine neue Sache. Du verschiebst hier die Verantwortung auf die Betroffenen und das ist nicht okay. Und ich finde es bezeichnend und für diese Argumentationsweise auch entlarvend, dass du selbst dieses Verhalten, diese Manipulierbarkeit als etwas weibliches zu lesen scheinst – anders kann ich mir nicht erklären, wieso du „Sam“ zu einer Frau machst. Oder denkst, es würde hier vorrangig um Frauen gehen. Appelbaum spricht in seinem Statement selbst von einem Angriff auf Personen der LGBT-Community und meint damit offenbar sich selbst.

Vorwürfe sind keine Beweise. Was für nicht völlig Unkundige bekannt ist, ist, dass Herr Appelbaum kein einfacher Charakter ist und auch berechtigte Kritk an seiner Sache oder seiner Person massiv übelnimmt. Kurz: Er ist nicht selten ein unangenehmer Zeitgenosse.

Und das ist es, was ihn angreifbar macht. Das ist sein Weak Spot, den man sucht und findet, wenn man ihn als öffentliche Person und Aktivisten kaltstellen will.

Es wäre also sinnvoll, zwischen dem Fakt, dass Appelbaum ein unangehmer (und auch macht-orientierter) Mensch ist und Anschuldigung schwerer Straftaten, hier Vergaltigung(en) zu trennen. Das wäre ein Verhalten, dass Mitglieder eines Rechtsstaates, in dem das Individuum (auch das arschige Individuum) unschuldig ist, bis seine Schuld bei einem konkreten Straftatvorwurf erwiesen ist.

Es geht in meinen Augen bei der Debatte gar nicht um Strafbarkeit, es hat schließlich soweit bekannt niemand Anzeige erstattet. Irgendwie hält sich in Hackerkreisen sehr fest der Glaube, dass man jemanden nur dann aus dem Umfeld entfernen darf, wenn die unabhängige Instanz „Staat“ eine wie auch immer geartete Schuld festgestellt hat. Vielleicht sollte das nicht verwundern, wenn die Helden dieser Bewegung wie Linus Torvalds regelmäßig auf ihr Recht pochen andere Menschen fertig zu machen/aufs übelste zu beleidigen. Ich finde diesen Gedanken jedenfalls extrem schädlich und kaputt. Wenn du Abuse in einer sozialen Gruppe nicht haben willst, musst du Menschen in die Schranken weisen dafür, dass sie sich sozial daneben benehmen. Das ist eine Frage der Bewertung durch Menschen innerhalb dieser Gruppe; Menschen eben, die mit diesen sich mies verhaltenden Leuten zu tun haben. Nerd haben davor irgendwie eine total große Panik und tendieren kulturell dazu, das unangehme Verhalten zu tolerieren – selbst dann, wenn einzelne sich darüber beschweren und versuchen, etwas zu ändern. Ich verweise gerne auf die Geek Social Fallacy Nr. 1, nach 13 Jahren immer noch aktuell.

Also: blenden wir die Strafbarkeit mal aus. Es stehen Vorwürfe im Raum, dass Appelbaum die Grenzen von Menschen immer wieder überschreitet. Wir haben mit Nick Farr eine Person, die keinen erkennbaren Nutzen an einem Rufmord an Appelbaum hat; die sich erst jetzt im Zuge dieser Veröffentlichungen meldet. Sein Verhalten ist konsistent mit seinem bisherigen Einsatz für Gerechtigkeit innerhalb der Hackerszene (wer Nick Farr kennt, weiß, was ich meine). Wir haben also anonyme Anschuldigungen, die niemanden überraschen und schon länger in der Szene breit bekannt sind, sowie eine Meldung einer konkret szenebekannten Person, der die meisten Menschen ziemlich vertrauen. Keine dieser Anschuldigungen sind großartig verifizierbar, weil es um persönliche Erlebnisse von Personen geht; das liegt in der Natur der Sache.

Was machen wir nun damit? Wie gesagt: einfach nichts tun und Appelbaum weiterhin an Chaosevents teilhaben zu lassen, wäre in meinen Augen ein Armutszeugnis. Es gibt kein inhärentes Recht von Menschen, auf Chaosevents zu sein; die Orga kann Menschen aus ganz beliebigen Gründen vor die Tür setzen. Es ist keine juristische Vorverurteilung von Appelbaum, wenn man entscheidet: da ist einfach so viel Scheiße die an dieser Person klebt, die macht dieses Event nicht zu einem besseren Ort. Und vor allem werden sich eine Menge Leute deutlich sicherer fühlen, wenn sie nicht einer Person über den Weg laufen müssen, die für ihr Arschlochverhalten und Überreaktionen bei Kritik bekannt ist. Ich meine hey, ich warte nach diesem Artikel auch schon so halb darauf, dass er da ein ernstes Wörtchen mit mir reden mag.

Ein Ausschluss oder andere Konsequenzen innerhalb der Community haben nichts mit juristischer Verurteilung zu tun, sondern damit, dass man Menschen die sich beschweren glaub als Appelbaum. Null Konsequenzen bedeuten umgekehrt, dass man die auf Abuse hinweisenden Stimmen abtut und sagt: so etwas hat bei uns keinerlei Konsequenzen. Das signalisiert Abusern: solange sie nichts strafrechtlich relevantes tun, sind andere Teilnehmer*innen unserer Events Freiwild für sie und ihr Arschlochverhalten.

Der zweite Absatz deines Kommentars klingt übrigens einfach nur wie eine Verschwörungstheorie. Ich sehe den Umstand enorm kritisch, dass komplexe Rufmord-Plots wie aus dem Spionage-Krimi eher in das Weltbild von Nerds zu passen scheinen, als dass sich das von vielen Menschen beobachtete grenzüberschreitende Verhalten und der aggressiv-abweisende Umgang mit Kritik nicht plötzlich bei allen freundschaftlichen oder sexuellen Kontexten in Luft auflösen. Ich fand es schon bei Assange seltsam, dass plötzlich keiner mehr fähig schien, Occam’s Razor anzuwenden.

EDIT: Inzwischen ist ein weiterer Bericht aufgetaucht. Die Luft wird dünn für die Behauptungen, das sei alles nur frei erfunden.

Ich habe überhaupt keine Insights in die Substanz der Vorwürfe. Bemerkenswert ist, dass die Vorwürfe aus dem inneren Kreis um ihn kamen und im inneren Kreis Konsequenzen gezogen wurden, auf eine sehr problematisch öffentliche Weise. Ein anonymer Pranger ist kein guter Stil. Das Statement von TOR war heftig. Ob TOR ihn entlässt oder nicht, Appelbaum ist nicht kritisch für das Projekt, weil er Öffentlichkeit hergestellt hat, nicht entwickelt.

Es wurde unterstellt, dass zahlreiche anarchistische Frauen sich nicht getraut haben sich öffentlich zu äußern, weil Appelbaum-Unterstützer natürlich eine Kampagne vermuten werden. Wer gegenüber einer in der Öffentlichkeit stehenden Person Vorwürfe macht, der setzt sich selbst Anwürfen aus, die ihm zusetzen, und geht Risiken ein, bekommt Öffentlichkeit. Zur Polizei zu gehen und in der Konsequenz aus seinem Umfeld ausgestoßen zu werden, ist natürlich ein Risiko. Sich öffentlich als Opfer zu exponieren, fordert einiges ab. Gerade wenn man gegen den Staatsapparat und „für seine Sache“ ist.

Es ist ja bekannt, dass in ländlichen Regionen Missbrauchsfälle allgemein (aber nicht öffentlich) bekannt sind, aber dennoch keiner sich als Opfer exponiert und gegen den Täter vorgeht. Und was tut man, wenn alle mit allen verwandt sind und der Mann vielleicht der Bürgermeister oder der Herr Pfarrer ist.

Lawrence Lessig hatte einmal dies Thema aufgenommen, und sein Plädoyer für seinen Mandanten endete mit dem Zugeständnis, er wisse, dass die Vorwürfe stimmen, weil er selbst Opfer dieser Person war. Das erfordert seltenen Mut. Prof. Lessig hat einen beruflich unangreifbaren Status.

Frage: Ist es gut, dass wir öffentlich drüber reden? Hier gibt es ja kein Urteil, nicht mal einen Strafprozess oder eine Anklage, nur den Ausschluss aus Gruppen.

Frage: Welche Mechanismen gibt es zum Schutz von Königsmördern?

Frage: Wie wappnet man sich gegen falsche Anschuldigungen? Ist es sinnvoll überhaupt zu schweigen?

Der Vollständigkeit halber, es sind auch andere „Berichte“ aufgetauscht, die einen anderen Standpunkt darstellen https://assets.documentcloud.org/documents/2858953/Statement-Appelbaum-11-06.txt

http://www.twitlonger.com/show/n_1sop8ps

Aber schön das wir mal darüber geredet haben. Das sind ja typische Dinge die die Öffentlichkeit interessieren.

Mich erinnert so was an meine Oma, die hat auch immer alles geglaubt was im Goldenen Blatt und Bild der Frau stand. Klatsch und Tratsch waren die Wahrheit und Grundlage aller Urteile. Die Welt hat sich seitdem kaum verändert.

Der erste Link ist ein Textdokument von überhaupt nicht betroffenen Personen. Dieser Standpunkt ist offensichtlich vollkommen irrelevant: es geht ja nicht darum, ob Appelbaum allen Menschen gegenüber scheiße ist. Abuser können charismatisch und vielen Menschen gegenüber sehr nett sein. Es ist somit eine Ablenkung vom eigentlichen Thema. Setzen, sechs.

Der zweite Link stellt die Ereignisse im Radisson Blu richtig. Das finde ich wichtig und richtig, zeigt es doch, dass wir Menschen selbst zuhören sollten und Möglichkeiten schaffen sollten, wie diese sich Gehör verschaffen können – anstatt nur Dritten zu vertrauen. Der Glaubhaftigkeit der Geschichten auf jacobappelbaum.net tut das freilich keinen Abbruch, schließlich sind das alles Beschreibungen von Betroffenen selbst – nicht von Dritten.

Dass du daraus nun Klatsch und Tratsch machst, entlarvt dich als Person, die Geschichten von Abuse nicht ernst nimmt. Gratulation, du bist Teil des Problems. Ich veröffentliche deinen Kommentar trotzdem, weil ich mich ihm offen entgegenstellen will. Und wenn du schon so schön mit Links um dich wirfst: inzwischen hat „Forest“ sehr genau dargelegt, welche anderen Wege mit Appelbaum vorher versucht wurden, und weswegen die Veröffentlichung die einzige noch verbleibende Möglichkeit darstellte: https://blog.patternsinthevoid.net/the-forest-for-the-trees.html
Sehr lesenswert und auch sehr empathisch ihm gegenüber, wie ich finde. Leider hat er wohl diese Intervention als Angriff auf sich verstanden, anstatt sich offen den Menschen zu stellen, die ihn kritisieren (wie er es ja in seinem Statement behauptet hat).

Dass er nicht erst seit gestern dieses Verhalten hat, beschreibt Violet Blue in ihrem tollen Beitrag, u.A. über seine frühe Zeit bei Kink.com: https://medium.com/@violetblue/but-he-does-good-work-6710df9d9029#.2e3i4qnhl

Moin!

Wir hatten hier verschiedene Artikel schon geschrieben und haben unabhängig voneinander beschlossen, sie in die Tonne zu kicken.

Das Thema ist einfach zu komplex und zu emotional, um eine neutrale Position beziehen zu können. Hey, wir reden hier von Nerds, Geeks und Fanboys/Fangirls. Da kann man nicht auch noch erwarten, daß das mit der Sozialisierung auch alles 100%ig geklappt hat…

Die Position des Clubs kann ich nur unterstützen. Er folgt dem eigenen Codex und übt sich in Toleranz und aufrechtem Gang. Das sollte man respektieren. Zumal man nur jedem empfehlen kann bei der Causa Appelbaum erst mal zu schauen, was da *wirklich* falschgelaufen ist.

Greets.

Ich finde diese Erklärung „mit der Sozialisierung hat das nicht 100% geklappt“ irgendwie immer seltsam. Was genau willst du damit aussagen? Dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass Nerds, Geeks etc. sich missbräuchlich anderen gegenüber verhalten? Oder willst du ihr Verhalten damit entschuldigen, indem du sie ein klein bisschen entmündigst und ihre Verfehlungen auf ihre Andersartigkeit schiebst?

Der CCC hat inzwischen ja offiziell Jacob Appelbaum vom 33C3 ausgeschlossen. Darüber bin ich in der Tat sehr froh. Ich hoffe, dass aber jetzt im Anschluss daran auch darüber nachgedacht wird, wie man das eben in Zukunft frühzeitiger sehen + verhindern kann. Ich hoffe noch immer auf einen CoC; it’s about time.

Neutral muss man finde ich übrigens bei einem Thema gar nicht sein. Ich beanspruche jedenfalls keine Neutralität, sondern beziehe sehr gerne Position gegen Missbrauch sowie gegen Menschen, wo übereinstimmend eine Menge Leute – unter ihnen Leute denen ich klar vertraue – berichten, dass sich jemand ihnen gegenüber schädlich verhalten hat.

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